Tipp #25 Fettnäpfchen erkennen und vermeiden

„Mama, da steht 30 auf der Tafel. Warum fährst du 38?“
Seit mein kleiner Sohn Zahlen lesen kann, fühle ich mich bei jeder Autofahrt wie im Lehrbuch von Friedemann Schulz von Thun. Mein Sohn teilt mir seine schlichte Beobachtung mit. Ich reagiere genervt, weil ich nur den Apell höre, langsamer zu fahren. Gleichzeitig bin ich aber auch dankbar. Denn durch diese Episoden erinnere ich mich immer an das äußerst hilfreiche Kommunikationsquadrat. Manchmal wird es auch „Vier-Ohren-Modell” oder „Nachrichtenquadrat” genannt.

Kleiner Rückblick ins Jahr 1981. Friedemann Schulz von Thun, ein deutscher Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, veröffentlicht das Modell des Kommunikationsquadrates. Ihm verdanken wir die Erkenntnis, dass bei jeder Aussage immer 4 Botschaften gleichzeitig mitschwingen – ob wir das wollen oder nicht.
Diese 4 Botschaftsebenen heißen:
1. Sachebene – hier geht es um die Informationen (Zahlen, Namen, Abläufe usw.)
2. Selbstoffenbarung – wir verraten immer etwas über unsere Gefühle, Werte, Vorlieben und Bedürfnisse.
3. Beziehungsebene – durch die Art wie wir etwas sagen (oder nicht sagen), demonstrieren wir, was wir von jemand anderem halten.
4. Appellseite – in jeder Wortmeldung schwingt auch ein Wunsch mit, ein Appell oder eine Empfehlung.

Wenn wir also zu einer Person reden, schwingen diese 4 sehr unterschiedlichen Botschaften mit. Und noch einmal, das machen wir unbewusst, weil wir viel zu wenig an die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten denken. Welche Botschaft unser Gegenüber dann aufgreift, merken wir erst an der Reaktion. Bekommen wir eine patzige Antwort, hat der Andere die Aussage anders interpretiert als von uns beabsichtigt.

Was bedeutet das Kommunikationsquadrat für Moderatoren und Redner?

Wer sich wirklich gründlich vorbereiten will, muss an diese 4 Ebenen denken und jeden Punkt bearbeiten. Das kostet natürlich Zeit, rentiert sich aber. Denn erst dadurch sinkt das Risiko, Fehler zu machen oder ins Fettnäpfchen zu tapsen. Gehen wir diese Ebenen also noch mal von vorne durch.

1. Sachebene
Überprüfe sorgfältig
* ob alle Informationen korrekt sind
* ob die Gedanken für das Thema relevant sind
* und ob die Gedanken eindeutig zu verstehen sind.

Wenn du Informationen von anderen bekommst und diese kommunizieren sollst, prüfe selbst noch mal alles nach. Häufige Fehlerquellen sind Namen, Titel und Funktionen von Personen. Bei Jahreszahlen und Geldsummen musst du auch immer kritisch sein.
Prüfe außerdem mehrmals, ob dein Gedankengang wirklich optimal ist. Zu viele Sätze und abschweifende Gedanken verwässern eine Präsentation, wirken langweilig.

2. Selbstoffenbarung
Unbewusst geben wir mit jeder Äußerung, verbal oder nonverbal, etwas von unserer Persönlichkeit preis. Wir offenbaren unsere Gefühle, Werte, Vorlieben und Bedürfnisse.

Du musst deshalb deine Worte sorgfältig wählen und ein paar mal laut zuhause aussprechen. Denn durch das laute Üben kannst du überprüfen, ob du wirklich die passenden Worte gefunden hast. Ob die auch zum Rahmen, zum Personenkreis passen.
Bei Preisverleihungen oder Ehrungen ist es sehr wichtig, dass du keinerlei Witze mit den Namen der Personen machst. Und du solltest die Namen richtig aussprechen. So vermittelst du Wertschätzung und Respekt, oder eben nicht.

3. Beziehungsseite
Durch die Art wie wir etwas sagen, erfährt der Andere, was wir von ihm halten. Formulierung, Tonfall, Mimik und Gestik verraten uns gnadenlos und häufig merken wir es gar nicht. Wenn du jemanden interviewen sollst, den du persönlich überhaupt nicht magst, musst du das für das Gespräch ausblenden. Andernfalls kann es passieren, dass das Publikum deine Ablehnung wahrnimmt und die Stimmung kippt. Dann würde deine Ablehnung dieser Person gegenüber, aber negativ auf dich zurückfallen. Es wird immer Menschen geben, die dir unsymphatisch sind. In der Öffentlichkeit musst du sie aber, in deinem eigenen Interesse, trotzdem respektvoll behandeln.

4. Appellseite
Wir sagen selten etwas ohne Hintergedanken. In jeder Wortmeldung schwingt auch ein Wunsch mit, ein Appell oder eine Empfehlung. Wenn du dein Publikum zu einer Handlung bewegen willst, musst du sehr klar kommunizieren.
Hier ein paar Anregungen:
* transportiere pro Satz nur 1 wichtige Information.
* sprich in kurzen Sätzen mit maximal 15 Worten.
* verwende eindeutige Botschaften statt Verneinungen.
* sprich aktiv statt passiv.
* überlege dir für deine Erklärung eine leicht nachvollziehbare Reihenfolge.
* achte auf ein gemäßigtes Tempo. Die Menschen müssen deine Information hören, verarbeiten und dann befolgen. Darauf musst du Rücksicht nehmen. Hier (im Archiv) findest du weitere Anregungen Tipp #6 Wie langsam ist schnell genug?

Wenn du etwas erklären musst, bitte Freunde um einen Probedurchlauf. Du trägst deinen Text vor und  bittest sie, mit eigenen Worten das eben Gehörte zu wiederholen. Wenn ein Detail falsch ist oder zu ungenau, weißt du, wo du deinen Text verbessern musst.

Falls dich das Kommunikationsquadrat genauer interessiert findest du im Internet viele ausführliche Erklärungen. Dieses Video hier gefällt mir besonders gut: Die 4 Seiten einer Nachricht (Schulz von Thun) – Kommunikation | alpha Lernen erklärt Deutsch
Wer lieber liest, kann hier genüsslich stöbern Homepage Friedmann Schulz von Thun

Wichtig! Meine Tipps sind Anregungen, keine Erfolgsgarantie. Aber es würde mich wirklich sehr wundern, wenn du trotz sorgfältiger Vorbereitung einen schwachen Eindruck hinterlässt.

Wünsche dir eine erfolgreiche Woche!

mit herzlichen Grüßen
Heidi Winsauer

Heidi Winsauer lebt in Dornbirn/Österreich. Sie arbeitet als selbständige Veranstaltungsmoderatorin und Trainerin für den persönlichen Auftritt. Jeden Sonntag teilt sie ihr gesammeltes Wissen zu den Themen Moderieren, Präsentieren und frei Sprechen.
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